Zu viele Rückstände auf Obst und Gemüse?
Wie du Reste von Pflanzenschutzmitteln minimierst

„Hohe Rückstände auf türkischer Paprika“, „Erdbeeren jetzt wieder mehr belastet“ - Medienberichte zu Rückständen von Pflanzenschutzmitteln lassen den Verzehr von Obst und Gemüse geradezu gesundheitlich bedenklich erscheinen. Soll man überhaupt noch Obst essen? Muss man Bio-Gemüse kaufen?
„Was können wir noch essen?“
„Was können wir noch essen?“ betitelte die Frauenzeitschrift BRIGITTE zu Beginn des Jahres 2006 einen Beitrag zu Skandalen und Rückständen bei Lebensmitteln. „Hohe Rückstände auf türkischer Paprika, Höchstmengenüberschreitungen bei spanischen Erdbeeren“ -Meldungen dieser Art häufen sich, wenn in der kälteren Jahreszeit mehr Obst und Gemüse aus südlicheren Gefilden zu uns transportiert werden.
Südliche Länder, andere Pflanzenschutzmittel
Wenn von Rückständen die Rede ist, sind Reste von Stoffen gemeint, die während des Anbaus bewusst auf Pflanze oder Frucht aufgebracht werden. In der Regel sind das Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel. Diese werden während des Anbaus eingesetzt, um Pflanze oder Frucht vor Krankheiten oder Schädlingsbefall zu schützen. In südlicheren Ländern werden, unter anderem bedingt durch das warme Klima, andere Mittel eingesetzt als in Deutschland. Der Transport über weite Strecken macht Obst und Gemüse anfällig für vorzeitigen Verderb. Für den langen Weg von Süd- nach Nordeuropa sind überhaupt nur bestimmte Obst- und Gemüsearten geeignet. Im konventionellen Anbau (also nicht Bio) werden einige davon für den Transport mit Anti-Pilzmitteln behandelt. Auf diese Weise stellen die Erzeuger sicher, dass auf dem Transport weniger verdirbt und die Ware gesund und knackig im Supermarkt ankommt.
Im Umkehrschluss heißt das: Ein kurzer Transportweg macht die Anwendung einiger Pflanzenschutzmittel überflüssig. Gemüse und Obst aus der eigenen Region (z. B. in Berlin gekauft und im Bundesland Brandenburg erzeugt) kann auf die Anwendung mancher Mittel verzichten.
Obst und Gemüse gering belastet
Auch beim Thema Pflanzenschutzmittel gilt: Vorurteile sind uncool! Ein Gehalt an Rückständen, selbst eine Überschreitung der gesetzlich festgelegten Höchstmengen stellt nicht automatisch eine Gesundheitsgefahr dar. Zwischen einer festgelegten Höchstmenge, die ein Lebensmittel enthalten darf, und der Rückstandsmenge, die die Gesundheit auf Dauer gefährdet, liegt eine weite Spanne. Selbst wer viel Gemüse und Obst isst, das konventionell (nicht bio) angebaut wurde, hat keine Gesundheitsschäden durch Pflanzenschutzmittelrückstände zu befürchten.
In der Regel sind die enthaltenen Rückstandsmengen
einzelner Pflanzenschutzmittel sehr gering. In einer Untersuchung des Hessischen Landeslabors an Import-Erdbeeren 2006 wurden die gesetzlich zulässigen Höchstmengen bei 60 Prozent der belasteten Ware zu 10 Prozent ausgeschöpft, bei weiteren 25 Prozent zu maximal 25 Prozent. Das heißt, 85 Prozent der Proben (60 + 25) enthielten Rückstände bis zu 25 Prozent der erlaubten Menge; 15 Prozent waren ohne Rückstände.
Mehrfachrückstände – das unbekannte Restrisiko
Sorge bereitet Experten zur Zeit, dass Obst und Gemüse zwar in der Regel mit einem einzelnen Mittel gering belastet sind, dass aber - in kleinen Mengen - mehrere Mittel gleichzeitig nachweisbar sind. Die gesundheitlichen Auswirkungen solcher zusammen „gegessener“ Kleinstmengen verschiedener Pflanzenschutzmittel sind kaum erforscht.
Der gleichzeitige Einsatz wirft außerdem Fragen auf, die das Verhalten der Erzeuger betreffen: Ist ein Einsatz mehrerer Mittel bei einer Pflanze bzw. Frucht „technisch“ notwendig gewesen? Verwendet man geringe Mengen eines Mittels, um der Entwicklung von Resistenzen (erworbene „Widerstandskraft“ eines Schädlings gegenüber dem Mittel) gegenüber diesem Mittel vorzubeugen? Versuchen die Erzeuger bewusst, die Überschreitung der gesetzlichen Höchstmengen, die ja nur für Einzelstoffe festgelegt sind, zu umgehen? Oder verrät der Vielfach-Einsatz von Mitteln bei einer Pflanze, das hier die Regeln einer sorgfältigen, fachkundigen Arbeit des Landwirts, im Fachjargon der so genannten guten landwirtschaftlichen Praxis (GLP) missachtet wurden?
Mit diesen Fragen setzt sich zum Beispiel das Bundesinstitut für Risikobewertung (kurz: BfR, www.bfr.bund.de) auseinander. Hier sind diverse Vorträge zum Thema Mehrfachrückstände unter http://www.bfr.bund.de/cd/7078 herunterladbar.
Waschen lohnt sich!
Als Konsument von Obst und Gemüse kannst du eine Menge tun, um wenig Rückstände „mitzuessen“ und damit eventuell befürchtete Rest-Risiken für deine Gesundheit zu minimieren. Das Hessische Landeslabor untersuchte den Gehalt an Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel bei Erdbeeren in ungewaschenem und gewaschenem Zustand. Durch Waschen ließen sich 43 Prozent der Rückstände entfernen. Auch die Stiftung Warentest stellte vor einiger Zeit fest, dass gewaschene Weintrauben („Tafeltrauben“) gegenüber ungewaschenen 50 Prozent weniger Rückstände enthielten. Kurzes, aber sorgfältiges Waschen von Obst und Gemüse lohnt sich also. (Längeres Waschen oder Liegenlassen in Wasser würde Obst und Gemüse auslaugen, der Nährstoffgehalt leidet.) Sorten mit glatter Oberfläche kannst du zusätzlich mit einem Tuch abreiben.
Öko-Obst und -Gemüse kaum belastet
Wenn du Rückstände von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln grundsätzlich ablehnst, sind Öko-Obst und -Gemüse eine Alternative. Im Bio-Landbau dürfen chemisch-synthetische Mittel nicht angewendet werden. Die Rückstandsgehalte sind deshalb deutlich geringer. Während im Öko-Monitoring 2005 der Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter in Baden-Württemberg konventionelle Ware im Durchschnitt mit 0,4°mg Pflanzenschutzmitteln pro kg Lebensmittel belastet war, lagen die Rückstandsgehalte in Öko-Obst nur bei 0,016 mg pro kg, bei Öko-Gemüse sogar nur bei 0,009 mg pro kg.
Rückstände an Pflanzenschutzmitteln ließen sich dennoch vereinzelt
nachweisen. Die Hauptursache war eine kriminelle: eine falsche Deklaration von konventioneller Ware als Öko-Ware, 8,4 Prozent der Proben wurden beanstandet. Die Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter in Baden-Württemberg beobachten die Qualität von Öko-Produkten durch ihr „Öko-Monitoring“-Programm seit Jahren sehr genau. Die Untersuchungsberichte der letzten Jahre kann man unter www.untersuchungsaemter-bw.de herunterladen.
Fazit: Erst waschen, dann ’reinbeißen!
Das Fazit im Einzelnen:
- Iss abwechslungsreich. So verringerst du die Aufnahme unerwünschter Stoffe am ehesten.
- Regional vermarktete Ware kann auf einige Pflanzenschutzmittel verzichten.
- Konventionelles Obst und -Gemüse ist meistens gering mit Rückständen belastet. Bio-Obst und -Gemüse liegt allerdings in den Rückständen weit darunter, es ist also weit weniger belastet. Rückstände finden sich in der Regel nur dann, wenn Ware vereinzelt fälschlich als Bio-Obst oder -Gemüse etikettiert wurde. Bei konventiellem Obst und -Gemüse häufen sich so genannte Mehrfachrückstände, also geringe Rückstände an mehreren Mitteln bei einem Lebensmittel.
- Obst und Gemüse reichlich zu essen, ist ein wichtiger Beitrag für die Gesundheit.
- Kurzes und sorgfältiges Waschen vor dem Zubereiten oder Essen lohnt sich - nicht nur aus hygienischen Gründen, sondern weil Reste von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln damit zu einem guten Teil entfernt werden.
Lass dir Obst und Gemüse weiterhin schmecken!

Mehr Infos zum Vertiefen:
Was-wir-essen.de: Landwirtschaft und Umweltschutz ein Widerspruch?
Was-wir-essen.de: Wie sieht der Öko-Landbau aus?
Lebensmittel-Monitoring von Bund und Ländern
Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart: Ökomonitoring
Weitere Informationen findest du auch in den folgenden aid-Medien:
(Kompaktinfo)

(Heft)
Lebensmittel aus ökologischem Landbau
(Heft)
Didaktische Medien zum Thema:
- In Lebensmitteln unerwünscht - Grundlagenwissen Schadstoffe (Unterrichtsmaterial zum Download)
- In Lebensmitteln unerwünscht - Rückstände von Pflanzenschutzmitteln (Unterrichtsmaterial zum Download)
- Weitere Unterrichtsmedien unter ww.aid-macht-schule.de
Spiele für den Unterricht:
- Wer wird Lebensmittelmillionär: Lebensmittelsicherheit (PDF, 231 kb)
- Kreuzworträtsel über Öko-Lebensmittel und Ökolandbau (119 kb)
Vertiefende Infos:
- Essen - aber sicher! (Kompaktinfo)
- In Lebensmitteln unerwünscht (Heft)
- Lebensmittel aus ökologischem Landbau (Heft)
(Bilder: aid infodienst, www.photocase.com)
Autor:
Autorin: Stephanie Wetzel, Berlin; Fachliche Beratung: Britta Klein, aid infodienst Bonn; Redaktion: Christof Meinhold, Köln (Januar 2007)









