Zuviel Wasser in der Wurst
Können wir den Lebensmitteln im Supermarkt trauen?

Neue BSE-Fälle bei Rindern, dioxinbelastete Eier, unerlaubter Einsatz von Wasserbindern bei Geflügelfleisch – die Kette von Meldungen zu Risiken oder Täuschungsmanövern rund um’s Essen reißt nicht ab. Sie können Verbrauchern den Eindruck vermitteln, bei der Lebensmittelherstellung würde zum großen Teil geschummelt und gepanscht.
Die örtliche Lebensmittelüberwachung prüft
Ob das tatsächlich der Fall ist, darüber geben die Kontrollen der amtlichen Lebensmittelüberwachung Auskunft. Die Lebensmittelkontrolleure aus den örtlichen Lebensmittelüberwachungsstellen kontrollieren bei Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen, ob alle rechtlichen Bestimmungen eingehalten wurden. (Bedarfsgegenstände sind keine Lebensmittel, sie kommen aber mit Lebensmitteln oder mit der Haut in Berührung, es sind zum Beispiel Küchengeschirre, Lebensmittelverpackungen, Bettwäsche oder Spielzeug.) Die Überwacher kontrollieren, ob drin ist, was drauf steht (Kennzeichnung, Schutz vor Täuschung). Sie nehmen Proben, um festzustellen, ob die Lebensmittel oder Bedarfsgegenstände gesundheitsgefährliche Stoffe enthalten und wenn ja, ob zulässige Höchstmengen überschritten werden (Gesundheitsschutz).
Rechtsverstöße liegen bei 10 bis 15 Prozent
Der Anteil der Verstöße gegen das Lebensmittel- und Bedarfsgegenständerecht liegt seit Jahren bei 10 bis 15 Prozent. Die Quote an Beanstandungen in Lebensmittelbetrieben (industrielle Lebensmittelhersteller, Bäckereien, Großküchen usw.) liegt ähnlich hoch. Diese erhebliche Beanstandungsquote rührt daher, dass die Kontrolleure sich bei ihrer Arbeit auf die „schwarzen Schafe“ unter Produkten und Herstellern konzentrieren. Das heißt, die Quote der Verstöße über alle Produktgruppen und Herstellungsverfahren ist deutlich geringer.
Gesundheitsrisiken bei weniger als 1 Prozent der Proben
Nicht automatisch geht von einem beanstandeten Produkt eine Gefahr für die Gesundheit aus: „Von allen untersuchten Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen sind nur 0,8 Prozent als gesundheitsschädlich bzw. gesundheitsgefährlich zu beanstanden“, stellte das Landesamt für Verbraucherschutz und Landwirtschaft Frankfurt/Oder in seinem Verbraucherschutzbericht 2002 fest.
Verbrauchertäuschungen nehmen zu
Bei Lebensmitteln ist allerdings seit Jahren ein Trend zu beobachten, dass Hersteller Bezeichnungen oder Aufmachungen von Produkten wählen, die den Verbraucher täuschen können, heißt es weiter in dem Bericht. Ein Beispiel: Ein Produkt, dass mit der Aufschrift „kontrollierter Anbau“ versehen ist, ist kein besonderes Qualitätsprodukt und schon gar kein gesetzlich geschütztes Bio-Produkt. Die Aufschrift „kontrollierter Anbau“ ist eine Worthülse, die der Hersteller völlig frei für sich auslegen kann.
Lebensmittel-Monitoring als Rückstands-Barometer
Einen guten Überblick über die durchschnittliche Belastungssituation von Lebensmitteln mit Rückständen (zum Beispiel Pflanzenschutzmittelreste auf Salat) und Schadstoffen (zum Beispiel Schimmelpilzgiftgehalte in Pistazien) liefert das so genannte Lebensmittel-Monitoring. Nach einem jährlich wechselnden Prüfplan gehen hier Lebensmittelkontrolleure in die Supermärkte und kaufen ein, was auch der normale Verbraucher kauft. Dann
untersuchen sie die eingekauften Lebensmittel auf für dieses Lebensmittel typische Rückstände und Verunreinigungen. Das Lebensmittelmonitoring wird bundesweit seit 1995 durchgeführt. Da nicht jedes Jahr alle Lebensmittel „dran“ sind, entsteht erst über mehrere Jahre ein realistischer Überblick über die Belastungssituation, der der Verbraucher mit dem „täglich Brot“, also seinem normalen Essen und Trinken, ausgesetzt ist.
Ergebnis: Die Lebensmittel sind wenig belastet
Das Resultat: Den manchmal erschreckenden oder ekelerregenden Meldungen über Mauscheleien beim Essen zum Trotz, unsere Lebensmittel sind im Durchschnitt wenig belastet. Im Rahmen des Lebensmittel-Monitorings werden ca. 4700 Proben aus deutschen Supermärkten, inklusive ausländischer Ware untersucht (mehr siehe beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)).
Beispiel Pflanzenschutzmittel: Knapp 60 Prozent der Proben enthielten keine Rückstände an Pflanzenschutzmitteln oder ähnlichen Verunreinigungen oder nur Spuren davon. Lediglich 2,5 % der Proben wiesen Rückstände an Pflanzenschutzmitteln und ähnlichen Verunreinigungen über den
Höchstmengen auf. Die Rückstandssituation fiel 2003, allein schon bedingt durch ein anderes Spektrum an untersuchten Lebensmitteln in Bezug auf Pflanzenschutzmitteln und ähnliche Verunreinigungen vergleichbar, aber nicht ganz gleich aus: Von 4927 Proben waren mehr als 54 Prozents nicht oder nur mit Spuren von Pflanzenschutzmitteln belastet. Höchstmengenüberschreitungen fanden sich in 4 Prozent der Proben.
Höchstmengenüberschreitung nicht automatisch gefährlich
Eine Höchstmengenüberschreitung bedeutet noch keine Gesundheitsgefahr. Im Tierversuch wird die Menge eines Stoffes ermittelt, die über längere Zeit keine schädlichen Wirkungen zeigt. Diese Menge wird mit einem Sicherheitszuschlag belegt, um der Unterschiedlichkeit in den Verzehrsgewohnheiten und in den körperlichen Abläufen von Mensch und Tier Rechnung zu tragen. Aus diesem so genannten ADI-Wert (Acceptable Daily Intake), also der lebenslang ohne Schaden verträglichen Tagesdosis eines Stoffes, wird dann die zulässige Höchstmenge errechnet.
Obst und Gemüse vor dem Verzehr waschen
Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass die in Deutschland angebotenen Lebensmittel „weitestgehend sicher sind und ohne Bedenken verzehrt werden können“, bestätigt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Die Ernährung sollte „…ausgewogen und abwechslungsreich gestaltet werden. Obst und Gemüse sollten, allein schon aus hygienischen Gründen, vor dem Verzehr bzw. der Zubereitung gründlich gewaschen werden.“ Das Lebensmittel-Monitoring ist Ausgangspunkt für Maßnahmen, um die Anwendung von Stoffen oder Verunreinigungen zu beobachten, Trends auszumachen und bei unerwünschten Entwicklungen einzuschreiten.
Bei Horrormeldungen genauer hinschauen
Das hört sich alles ganz beruhigend an. Was aber tun, wenn man die nächste Meldung über abstoßende Produktionsweisen in der Lebensmittelherstellung auf dem Fernsehschirm erblickt?
Wichtig als Verbraucher ist, zu unterscheiden,
- ob die Meldung über eine je nach Geschmack unappetitliche, aber gesundheitlich unbedenkliche Art der Lebensmittelerzeugung aufklärt,
- ob der Verbraucher bewusst und unrechtmäßig hinter’s Licht geführt wird (wie bei der unerlaubten Zumischung von Eiweißprodukten als Wasserbinder zu Geflügelfleisch) oder
- ob von der Verunreinigung oder dem Herstellungsrest möglicherweise eine Gesundheitsgefahr ausgeht (wie bei zu hohen Dioxingehalten von Eiern).
Mit dem Einkaufszettel abstimmen
Eine unappetitliche Art der Lebensmittelerzeugung lässt sich beeinflussen, in dem du die Produkte meidest, von denen du erfahren hast, dass die Herstellungsmethoden den Vorstellungen von einer soliden Lebensmittelherstellung widersprechen. Stimm mit dem Einkaufszettel ab! Genauso kann man sich bei Verbrauchertäuschungen verhalten, über die man durch die Medien Kenntnis erhalten. Hier schreitet zusätzlich die Lebensmittelüberwachung ein.
Wie hoch ist mein Risiko?
Handelt es sich um einen giftigen oder gefährlichen Stoff, der in ein Lebensmittel gelangt ist, solltest du dich genauer informieren:
- Wie gefährlich ist der Stoff, können Experten das schon sicher sagen?
- Wie hoch waren die gefundenen Konzentrationen?
- Bei Höchstmengenüberschreitungen: Liegen sie in einem Bereich, von
dem eine Gesundheitsgefahr ausgeht? - Handelt es sich um ein Lebensmittel, das häufiger belastet ist oder betrifft die Meldung eine einzelne Lieferung, die längst vom Markt genommen oder längst verzehrt wurde (zum Beispiel bei Erdbeeren möglich)?
Online- und offline-Informationsangebote nutzen
Bei der Beurteilung solcher Berichte helfen Beratungsinstitutionen, die sich auf Verbraucherfragen und Lebensmittelrisiken spezialisiert haben:
- Der aid-medienshop.de bietet zahlreiche Medien mit Grundlagen-Informationen zum Thema.
- Im Informationsportal www.was-wir-essen.de kann man aktuelle Beiträge zu Problemen mit Lebensmitteln nachlesen. Außerdem kannst du per E-Mail individuelle Fragen stellen.
- Die Verbraucherzentralen informieren ebenfalls über das Internet (www.vz-nrw.de) und beraten mit ihrem Medienfundus oder im persönlichen Gespräch in den Beratungsstellen im ganzen Bundesgebiet - sicherlich auch in der Nähe deines Wohnortes.
- Und Du findest laufend neue Grundlagenberichte und aktuelle Infos in der Rubrik Ernährungswissen bei www.talkingfood.de, sowie in der Presseschau und in der Datenbank.
Weitere Informationen findest du auch in den folgenden Medien aus dem aid-Shop:
Vom Acker bis zum Teller: Lebensmittelsicherheit geht alle an
(Heft)
Amtliche Lebensmittelüberwachung
(Heft)
(Unterrichtsmaterial, Sek. I)
Kennwort Lebensmittel
(Nachschlagewerk)
Zur Zeit im aid-Medienshop vergriffen!
(Fotos: aid infodienst, www.photocase.com, DAK)
Autor:
Stephanie Wetzel, Berlin; Redaktion: Christof Meinhold, Köln (April 2005)










