Gegen die Schublade im Kopf
Über’s Essen mit Migranten-Familien ins Gespräch kommen
Schüler mit Migrationshintergrund gehören heute selbstverständlich zum Schulalltag. Das schützt beide Seiten nicht vor Vorurteilen – auch wenn es um’s Essen und mit dem Essen verbundene Probleme geht. Wie man in der Schule das Thema „Gesunde Ernährung“ migranten-sensibel angeht.
Migrationshintergrund bei Schülern – selbstverständlich
Im Schuljahr 2001/2002 hatten in Deutschland 11 Prozent der Schüler [1] keine deutsche Staatsangehörigkeit. Zusätzlich kommen noch Kinder von Aussiedlern (sie werden nicht als Ausländer registriert) hinzu, eingebürgerte Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund und Kinder aus binationalen Familien. In Berlin haben ein Viertel aller Schüler eine nichtdeutsche Herkunftssprache. Im Berliner Bezirk Nord-Neukölln beträgt der Anteil der Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache in der 1. bis 6. Klasse 79,7 Prozent (Stand Februar 2007, im September 2001: 67,4 Prozent).
Migrationshintergrund sieht sehr verschieden aus
Die Sprachkenntnisse und die Anpassung an deutsche Lebensverhältnisse sind dabei sehr unterschiedlich ausgeprägt, ganz zu schweigen von den unterschiedlichen sozialen und kulturellen Voraussetzungen in der Familie.
Zu den Familien mit Migrationshintergrund gehören die binationale Ehe eines dunkelhäutigen Franzosens mit einer Deutschen genauso wie die Nachkommen einer Spätaussiedlerfamilie aus Osteuropa oder die palästinensischen politischen Flüchtlinge mit ihrer Tochter. Das Spektrum reicht von den Kindern türkischer Lebensmittelhändler bis hin zub dem aus einer halbiranischen Familie stammenden Zahnarzt mit seiner ebenfalls halbiranischen Ehefrau und den beiden Söhnen.
Es gibt die moslemische Familie, die streng Alkohol und Schweinefleisch meidet und auch nur geschächtetes Fleisch zu sich nimmt ebenso wie die moslemische Familie, die Alkohol trinkt, Schweinefleisch meidet, aber eine hierzulande typische Schlachtung zulässt.
Schule hat es beim Thema „Migrationshintergrund“ also mit einer sehr heterogenen Gruppe zu tun. Und genau diese Tatsache wird oft übersehen. „Schüler und Lehrer neigen zur Vereinfachung, sie sitzen Klischees einander gegenüber auf“, beobachtet Tülin Duman, Projektkoordinatorin bei Gesundheit Berlin e. V. „Sie sehen oft beim anderen nur das Negative.“
Ernährungsprobleme, die in der Schule zutage treten
Tatsächlich treten einige Ernährungsprobleme bei Familien mit
Migrationshintergrund häufiger auf:
Moslemische Eltern melden ihre Kinder nicht zum Schulessen an, weil sie zu Recht vermuten, es würde in der Großküche mit Schweinefleisch und Bestandteilen von Schweinefleisch gearbeitet, auch bei nicht offen schweinefleischhaltigen Gerichten (Brühe, Gelatine usw.).
Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind deutlich häufiger übergewichtig bzw. schwer übergewichtig. So sind unter den 7- bis 10-Jährigen 11 Prozent der Migranten-Kinder schwer übergewichtig, unter den Nicht-Migranten sind es nur 5,4 Prozent. Dieser Unterschied setzt sich im Jugendlichenalter fort.
Auf komplizierte Fragen keine einfachen Antworten
Eine pauschale Erklärung ist schnell zur Hand. Über türkische Eltern wird z. B. gesagt: „Sie geben ihren Kindern so viele Süßigkeiten mit, sie geben zu wenig Regeln vor.“ Ob dies für alle türkischstämmigen Eltern zutreffe und welche Gründe dieses Verhalten hervorriefen, darüber werde sich zu wenig Gedanken gemacht, kritisiert die Kulturmittlerin Duman.
Viele Verhaltensweisen von Migranten in Deutschland sind nicht kulturellen Ursprungs, sondern haben etwas mit dem sozialen Status und dem Maß an Integration zu tun.
Kulturell bedingt oder dem sozialen Status geschuldet?
Überdurchschnittlich häufig gehören Familien und damit Schüler mit Migrationshintergrund sozial benachteiligten Schichten an. Den Kindern freien Zugang zu Süßigkeiten zu gewähren, sei eine preiswerte Möglichkeit, die Kinder zu verwöhnen, sie vermeintlich zu entschädigen für das, was sich die Familie nicht leisten kann, weiß Duman.
„Wenn eine Familie in ein breit gefächertes soziales Netzwerk eingebettet ist, läuft es besser“, berichtet die Spezialistin für Migration und Gesundheit. Einwanderer in der 3. Generation, bei denen beide Elternteile berufstätig sind, gingen mit ihren Kindern anders um – auch was einen geregelten Ernährungsalltag angeht.
Oft führe die Unzufriedenheit mit den eigenen Lebensumständen (Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit) erst dazu, dass dem Angebot und der Zubereitung von Essen in der Familie ein übergroßer Stellenwert beigemessen werde. Essen und trinken kann die Sehnsucht nach Heimat vorübergehend stillen. „Essen und trinken ist identitätsstiftend“, wie es in dem Beitrag zur kultursensiblen Ernährungsberatung von Frau Kessner heißt.
Verhalten im Herkunftsland kann anders sein
Die in Deutschland beobachteten Verhaltensweisen müssen nicht mit denen im Heimatland identisch sein. „In der Türkei sind Süßigkeiten teuer. Kindern werden beim Essen sehr wohl Grenzen gesetzt.“ Der spezielle (oft benachteiligte) Status, den Migrantenfamilien in Deutschland inne haben, lässt sie Verhaltensweisen annehmen, die im Herkunftsland unüblich sind.
Im Laufe der Zeit nehmen Familien mit Migrationshintergrund auch „typisch“ deutsche Ernährungsgewohnheiten an. Ihr Ernährungsmuster unterscheidet sich dann sowohl von dem in der ursprünglichen Heimat, als auch vom „klassisch“ deutschen. So weiß man von in Deutschland lebenden türkischen Frauen, dass sie mehr Kartoffeln und mehr Sahne in der Küche einsetzen als in der Türkei üblich.
Wie geht man mit diesen Themen sensibel in der Schule um?
Sozial benachteiligte Familien müssen persönlich angesprochen werden und ihre positiven Ressourcen einbringen können.
1. Über die Ernährung in den Dialog treten
Für Familien mit Migrationshintergrund ist oft das Kochen und die stimmungsvoll hergerichtete Mahlzeit eine positive Ressource. Diese Ressource wird durch das Berliner Projekt „Gesund essen mit Freude“ genutzt, um Familien mit Migrationshintergrund stärker in den Schulalltag einzubinden. In der Schule wird ein Ernährungskurs angeboten, bei dem Fragen rund um die Ernährung von Kindern und Jugendlichen thematisiert werden. Mütter mit Migrationshintergrund werden gezielt angesprochen, an der Gruppe teilzunehmen. Geleitet werden diese Kurse durch eine Ernährungsfachkraft (z. B. Diplom-Oecotrophologin). Die Maßnahme wird als Präventionsmaßnahme von den Krankenkassen gefördert. Wer sich für eine solche Maßnahme an der Schule interessiert, kann sich an eine örtliche Krankenkasse wenden. Nähere Informationen und alle Materialien des Kurses als pdf-Download findet man auf der Homepage von „Gesund essen mit Freude“: www.saglik-berlin.de.
2. Eltern mit Migrationshintergrund in andere Aufgaben an der Schule einbinden
Über eine stärkere Einbindung in den Schulalltag, z. B. in ehrenamtliche Aufgaben, erfolgt eine stärkere Integration. Soziale Integration ermöglicht auch eine gemeinsame kritische Auseinandersetzung mit der Ernährung der Kinder. Eine frontale Belehrung der Eltern, was den Kindern zu Essen anzubieten sei, nützt oft wenig. „Häufig wird nicht einmal klar, wer das Gesagte von den Sprachkenntnissen her mitverfolgen konnte“, erzählt Duman. Aus einem Ernährungskurs für Mütter könne eine stärkere Einbindung der Mütter in wichtige Aufgaben an der Schule erfolgen: die Ausgabe von Schulmilch, die Führung eines Schulkiosks in Eltern- und Schülerhand, Ernährungs- und Kochkurse für Schüler.
Diese Aufgaben machen die Eltern offener für andere Angebote und Gespräche mit der Schule.
3. Jugendliche Schüler mit speziellen Angeboten locken
Und wenn die Schüler älter sind und nicht mehr so stark an das elterliche Essverhalten gebunden? Auch Ernährungskurse bzw. AGs für jugendliche Schüler oder das gemeinsame Betreiben eines Schülercafés mit multikulturellem Angebot von Lehrern und Schülern können den Dialog und die Integration fördern.
Das Thema „Essen“ ist dabei wirksamer Türöffner, gleichzeitig fördert der Dialog auch das Gespräch über Fragen der Ernährungserziehung und über die notwendigen Bausteine einer ausgewogenen Ernährung.
[1] Mit "Schüler" sind Schülerinnen und Schüler gleichermaßen gemeint.
Mehr Infos
- Die Webseite www.besseressenmehrbewegen.de des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz bietet zahlreiche Links zu Ernährungsprojekten in der Schule.
- Im Rahmen des Modellprojekts „Kinderleicht Regionen“ bietet das Projekt „GoHo bewegt sich.“ Kurse für (angehende) Mütter mit Migrationshintergrund an.
- Das Projekt „Gesund aufwachsen … in Münster“ bildet ebenfalls Migranten/innen aus.
- Die Webseiten des Deutschen Bildungsservers (www.bildungsserver.de enthalten ein Kapitel „Migration und Schule“.
- Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (www.dge.de) stellt Auszüge zum Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen (auch mit Migranten-Bezug) aus der KiGGS-Studie (www.kiggs.de) vor: Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys
- Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (www.bzga.de) stellt unter www.frauengesundheitsportal.de ein Buch zum Ernährungsverhalten unterschiedlicher Migrantengruppen vor.
Der aid infodienst bietet mit zahlreichen Medien Anregungen für eine Thematisierung des Themas Ernährung in der Schule bei unterschiedlichen Altersgruppen:
(Unterrichtsmaterial, Ringordner, Klasse 1 bis 6)
Mission Bodycheck - Teil 2: Essen & Trinken, Verdauung, Nährstoffe, Esskultur
(Didaktische DVD, Klasse 8 bis 11)
Die aid-Ernährungspyramide - Richtig essen lehren und lernen
(Heft)
optimiX - Ernährung von Kindern und Jugendlichen
(Heft)
(Folien auf CD-ROM)
Verpflegung für Kids in Kidertagesstätte und Schule
(Heft)
Fotos: aid infodienst, www.photocase.de, www.pixelio.de
Autor:
Stephanie Wetzel, Berlin; Fachliche Beratung: aid infodienst; Redaktion: Christof Meinhold, Köln (Dezember 2007)










