Interview
Dr. oec. troph. Margret Büning-Fesel, Geschäftsführender Vorstand vom aid infodienst . V., Bonn über das Musical "Pappe satt!" zum Thema Übergewicht bei Kindern
Frau Dr. Büning-Fesel, warum führt der aid infodienst ein Kinder-Musical zum Thema Übergewicht auf?
Dr. Büning-Fesel: Übergewicht ist heute die häufigste ernährungsabhängige Gesundheitsstörung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Dieser Umstand ist sicherlich nicht neu und auch, dass sich die Zahl der Betroffenen in den letzten 15 Jahren mehr als verdoppelt hat, ist bekannt. Bislang ist aber kein Stillstand dieser Entwicklung erkennbar und es gibt offensichtlich noch keine ausreichenden vorbeugenden Maßnahmen. Das Musical "Pappe satt!" dient als neuer Kommunikationsweg, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen. Dabei geht es nicht um eine reine Wissensvermittlung, sondern darum, die Kinder nach dem Motto "Hilf mir, es selbst zu tun" zum Mitmachen anzuregen. Da 45 Prozent der übergewichtigen Kinder und 85 Prozent der übergewichtigen Jugendlichen zu dicken Erwachsenen werden, ist es von großer Bedeutung, der Ernährungssituation von Kindern mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Der aid infodienst engagiert sich schon seit längerer Zeit mit verschiedenen Medien für das Thema Kinderernährung und Übergewicht.
Welche Folgen hat Übergewicht bei den Kindern?
Dr. Büning-Fesel: Übergewicht ist eine ernst zu nehmende chronische Krankheit, auf die -auch bereits bei Kindern und Jugendlichen - weitere Erkrankungen wie Diabetes, erhöhte Blutfettwerte oder Bluthochdruck folgen können. Auch die Seele von übergewichtigen Kindern leidet: häufig werden sie mit negativen Reaktionen und Ablehnung durch die Umwelt konfrontiert. Speckie, Moppel, Fettwanst - Hänseleien unter Kindern können sehr grausam sein. Dicke Kinder gelten zudem als faul, undiszipliniert und werden häufig ausgegrenzt. Das Gewicht nagt am Selbstwertgefühl, so dass viele übergewichtige Kinder Kontaktschwierigkeiten entwickeln und sich nicht mehr unter Gleichaltrige trauen. Bei Sport und Spiel sind sie langsamer und ungeschickter, sie ziehen sich zurück, trösten sich oft mit Essen - ein Teufelskreis beginnt.
Was ist die Ursache für die Zunahme von Übergewicht bei Kindern?
Dr. Büning-Fesel: Das Körpergewicht wird zum einen durch die genetische Veranlagung zum anderen durch Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten beeinflusst. Besonders der Lebensstil vieler Familien hat sich in den letzten Jahren geändert: Längeres Fernsehen und Computerspielen sowie zunehmende Motorisierung führen zu Bewegungsarmut. Joystick, Fernbedienung und Bildschirm statt Spiel und Sport - so leben viele mollige Kinder und Jugendliche. Darüber hinaus haben sich Tischsitten und Esskultur verändert. Kinder und Jugendliche essen mehr Fast Food oder energiereiche Kinderlebensmittel, oft als Snacks zwischendurch. Viele Kinder kommen ohne Frühstück zur Schule und gemeinsame warme Mahlzeiten sind leider nicht mehr in allen Elternhäusern selbstverständlich.
Warum hat der aid infodienst das Medium Musical gewählt?
Dr. Büning-Fesel: Mit diesem Musical gelingt es uns, einen emotionalen Zugang zu den Kindern herzustellen und gleichzeitig Botschaften zu transportieren. Authentische Rollen und Lebenssituationen ermöglichen den Kindern die Identifikation mit den Figuren. Die Kinder lernen spielerisch, welche positiven Folgen richtiges Essen und Trinken sowie Bewegung für ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit hat. Das besondere ist, dass ein Musical- oder eine Theaterstück nachwirkt: Ein Theaterstück berührt und regt an, wobei es keine große Kulisse und keine prächtige Kostümschau braucht. Es sind die Schauspieler, die etwas zu erzählen haben, die ihr Gegenüber, den Zuschauer, ernst nehmen und zum Komplizen ihres Spiels machen. Wichtig sind auch die erwachsenen Begleiter, die gemeinsam mit den Kindern auf Entdeckungsreise gehen wollen. Theaterkunst endet nicht mit dem Schlussapplaus sondern reiht sich ein in das Leben der Kinder. Sie hat ein davor und danach - unterstützt durch unser didaktisches Begleitmaterial -, und sie wirkt weiter, auch wenn wir es manchmal nicht wahrnehmen. Das Musical regt die kleinen und großen Zuschauer zum Nachdenken an - und das ohne erhobenen Zeigefinger.
Warum gehen Sie mit dem Musical auf Tour durch Grundschulen?
Dr. Büning-Fesel: Wir gehen mit dem Musical in Grundschulen, weil diese Altersgruppe für die Prävention von Übergewicht am besten geeignet ist. Das Stück kann z. B. als Anlass für eine Unterrichtseinheit genommen werden, in der die Inhalte dann vertieft werden können. Die Vermittlung von Grundlagen einer gesunden Ernährung und das Wissen um die Herkunft unserer Lebensmittel gehört aus unserer Sicht zum Erziehungsauftrag der Schulen. Wir möchten mit diesem Musical Schulen unterstützen, das Thema Ernährung und Übergewicht aufzugreifen. Das Musical kann darüber hinaus als Anlass dienen, vor Ort Netzwerke aufzubauen, die sich des Themas annehmen und Präventivprogramme zur Vorbeugung von Übergewicht entwickeln und umsetzen, z. B. in Form von Kooperationen zwischen Schule, Krankenkasse, ErnährungsberaterInnen und Sportverein.
Zum Abschluss, wie können Schulen, die sich die Gage für das Musical nicht leisten können, trotzdem eine Aufführung realisieren?
Dr. Büning-Fesel: Es besteht die Möglichkeit einer finanziellen Förderung. Um diese möglichst vielen Schulen bieten zu können, sind wir allerdings auf die Unterstützung durch Sponsoren angewiesen. Wir freuen uns über jeden, der sich für unser Projekt engagieren möchte. Es wäre sehr wichtig, möglichst viele Aufführungen auch an Schulen in sozialen Brennpunkten durchzuführen, da Kinder aus sozial schwachen Familien und aus Migrantenfamilien besonders gefährdet sind, Übergewicht zu entwickeln.







